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Aktuelles 2017



Der Balken im Auge

Bäte mich jemand um die Zustimmung zu nachstehenden Sätzen, ich zögerte wohl kaum:
„Die Erstunterzeichner (…) wehren sich entschieden gegen jede ideologische Einflussnahme, mit der die Freiheit der Kunst beschnitten wird. Wehret den Anfängen – für gelebte Meinungsfreiheit, für ein demokratisches Miteinander, für respektvolle Auseinandersetzungen!“

Es handelt sich um die Schlusssätze einer, und hier komme ich ins Stutzen, „Charta 2017“, die am 14. Oktober 2017 in Dresden vom Buchhaus Loschwitz am Fuße des Weißen Hirsch aus in die weite Welt gesandt wurde. Als Charta bezeichnet man gemeinhin eine Satzung gewichtigen Inhalts von Organisationen oder Bewegungen. Eine „Charta 2017“ verweist zudem notwendig auf die 1977 in der Tschechoslowakei gegründete Bürgerrechtsplattform „Charta 77“ als zivilgesellschaftliche Opposition im Staatssozialismus Husakscher Prägung.
Eine Charta ist das Dresdner Papier, zu deren Erstunterzeichner Autoren wie Ulrich Schacht und Uwe Tellkamp gehören, aber mitnichten, sondern ein anlassgebundener Protestbrief. Anlass waren Tumulte auf der Frankfurter Buchmesse, als beim Stand des Antaios-Verlages Vertreter der Identitären zusammen mit dem AfD-Politiker Björn Höcke auftraten. Gegendemonstranten tappten prompt in die gestellte Falle und sorgten gemeinsam mit Veranstaltungsbesuchern für Skandal samt gehörigem Medienauflauf. Als dann noch über Nacht der Stand des neurechten Vordenkers und Verlegers Götz Kubitschek leergeräumt wurde – von wem auch immer -, war die Publicity perfekt: Ein von Büchern entleerter Messestand, der symbolisch auf den abwesenden Signifikanten verweist, ist durch die Projektionsoffenheit für den Betrachter von ungleich wirksamerem Eindruck als ein normal bestückter unter tausenden anderen Ständen.

Die Unterzeichner des Briefes allerdings sehen darin ein Menetekel für die Bedrohung der Meinungsfreiheit in Deutschland, mehr noch, sie behaupten, „unsere Gesellschaft“ sei „nicht mehr weit von einer Gesinnungsdiktatur entfernt.“ Zur Hybris, den Begriff „Charta“ zu missbrauchen, gesellt sich also ein keiner tiefergehenden Begründung für wert befundener Pauschal-Alarmismus. Mit dem Begriff „Gesinnungsdiktatur“ tauchen übrigens ausnahmslos rechte bis ultrarechte Sites aus den Untiefen des Internet auf. Der Initiatorin Susanne Dagen vom Buchhaus Loschwitz sollte das entgangen sein? Der Frankfurter Sturm im Wasserglas dient nun jedenfalls Verallgemeinerungen etwa über einen „Gesinnungskorridor“.

Nun sollte man wissen: Kubitschek verlegt vor allem die Schriften der deutschen Identitären, die mit Verve völkisch-nationalistische Ideologeme eines ethnisch homogenen Volkes gegen Migration und „Vermischung“ ins Feld führen. Kubitschek betreibt auf seinem Gut Schnellroda ein „Institut für Staatswissenschaft“ als Kaderschmiede der Neuen Rechten in der Tradition der Konservativen Revolution der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Und vor allem in der des Staatsrechtlers Carl Schmitt, Verächter der parlamentarischen Demokratie und des Liberalismus, der in bezeugter Nähe zu den letzten Reichskanzlern der Weimarer Republik, von Papen und Schleicher, die einen Ständestaat zu reinkarnieren gedachten, stand. 1935 bezeichnete der „Kronjurist des 3. Reiches“ (Waldemar Gurian, ein früherer Adept Carl Schmitts über Carl Schmitt), die Nürnberger Rassengesetze als „Verfassung der Freiheit“.

Götz Kubitschek schreibt über Carl Schmitt, ihn zu lesen sei „wie Bach zu hören: Beiläufig, schlagartig, nachhaltig stellt sich Klarheit in der eigenen Gedankenführung ein.“
Ich frage mich: Götz Kubitschek bekommt auf der Frankfurter Buchmesse einen Stand zugesprochen, betreibt uneingeschränkt Verlag und Institut, redet auf Pegida-Veranstaltungen und gern auch mit Journalisten der verhassten „System“-Presse. Wem also kommt die Rede von nahender „Diktatur“ im Brief vom Weißen Hirsch zustatten?

Es handelt sich in diesem Fall nicht um irgendwelche Scharmützel unter schier ewigen ideologischen Gegnern. Wir erleben gegenwärtig eine Renaissance völkisch-nationalistischer Staatsauffassungen als Begleiterscheinung der neoliberalen Verwüstungsorgien seitens des Globalkapitals. Dort, wo die Nationalisten an die Macht gekommen sind, gilt ihre primäre Handlungsoption der Aufhebung der Gewaltenteilung, der Entfernung liberal-demokratischer Kräfte aus dem Staatsapparat, den Massenmedien und Kulturinstitutionen. Und schließlich der Abschaffung demokratischer Normalitäten zugunsten autokratischer, wenn nicht diktatorischer Strukturen, wie wir es in Polen, Ungarn, der Türkei und Russland beobachten können, ermuntert durch den gegenwärtig Einwohnenden im Weißen Haus. Insofern ist die Dresdner Deklaration ein seltsam widersprüchlich Ding, weil sie diejenigen Kräfte hofiert, die „einer offenen und toleranten Gesellschaft und eines freien Geisteslebens“, wie es im Empörungsbrief geschrieben steht, diametral entgegenstehen.

Ich erlaube es mir, schlusshin etwas persönlicher zu werden: Sozialisiert im schönen Gewusel von Kunst und Wissenschaft in Leipzig, tagtäglich in Berlin umgehend mit Menschen vielerlei Herkunft, ist mir die Dresdner Erregung fremd in Anmaßung, Stil und Gestus. Zu den Erstunterzeichnern gehört auch ein Kollege aus der Sächsischen Akademie der Künste, was allein in seiner Verantwortung liegt. Die Signatur von Jörg Bernig belegt aber auch: Gesellschaftliche Risse gehen auch durch jene Institutionen, die ganz sicher dem Geist der „Charta 77“ verpflichtet sind, in der es heißt, sie sei gegründet „auf den Prinzipien der Humanität, der Solidarität und der Zusammenarbeit“. Diese Auspizien bestimmen das Wirken der Sächsischen Akademie der Künste von Anfang an. Nachdem im Frühjahr 2017 im Rahmen der Akademie eine sehr lebhafte Diskussion von Mitgliedern der Klasse Literatur, u. a. Thomas Rosenlöcher, Angela Krauß, Jörg Bernig, György Dalos, Kerstin Hensel über Begriffe wie „Volk“, „System“ und „Sprache“ in Gang gesetzt wurde, ist nun um so mehr klar: Diese Diskussion werden wir fortsetzen, sekundiert von unaufgeregt Kundigen.

Peter Geist
Sekretär der Klasse Literatur und Sprachpflege der Sächsischen Akademie der Künste

Dresden, 6. Dezember 2017



Hans Theo Richter-Preisträgerin Marlene Dumas
will künstlerischen Nachwuchs fördern


Am 23. November 2017 wurde der Hans Theo Richter-Preis für Zeichnung und Graphik der Sächsischen Akademie der Künste an die Künstlerin Marlene Dumas verliehen. Marlene Dumas, deren Altarbild in der Dresdner Annenkirche in diesem Jahr eingeweiht wurde, gilt als eine der wichtigsten Künstlerinnen der Gegenwart und genießt höchste internationale Anerkennung.

"Marlene Dumas Werk ist komplex, und doch so grundsätzlich kommunikativ", erklärte Ulrich Bischoff in seiner Laudatio anlässlich der gestrigen Preisverleihung im Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. "Eines der zentralen Felder in ihrem Werk sind Menschenbilder, Portraits, Gesichter von Freunden und Fremden, von öffentlichen, oft weiblichen Personen und von sehr privaten Antlitzen. Ihre zum größten Teil frontal zur Erscheinung herbeigerufenen Gesichter begegnen uns mit großer Präsenz."

Der Mensch steht bei Marlene Dumas im Mittelpunkt, nicht nur als Sujet ihrer Werke. So gab sie in ihrer Dankesrede bekannt, das von der Hildegard und Hans Theo Richter-Stiftung gestiftete Preisgeld in Höhe von 20.000 Euro an den künstlerischen Nachwuchs weiterzugeben. Das Preisgeld überlässt sie dem Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, das damit jungen Künstlerinnen und Künstlern die Chance geben möchte, sich mit der Sammlung des Kupferstich-Kabinetts auseinanderzusetzen.

Dieses Stipendiatenprogramm wird konzipiert vom Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Nähere Informationen werden zum gegebenen Zeitpunkt vom Kupferstich-Kabinett und von der Sächsischen Akademie der Künste bekanntgegeben.

Dresden, 24. November 2017



„Aber in welcher Sprache, daß ihr mich hört“ – Zum Tode von Kito Lorenc

Die Sächsische Akademie der Künste trauert um ihr Mitglied Kito Lorenc, der am 24. September 2017 in Bautzen verstarb.

Der bedeutende deutsch-sorbische Schriftsteller war der Akademie seit ihrer Gründung eng verbunden. Bereits auf der ersten Mitgliederversammlung 1996 zugewählt, bereicherte er auf vielfältige Weise das Akademie-Leben. Mehrfach stellte er sein eigenes, vor allem lyrisches Werk im Rahmen der Akademie vor und zur Diskussion. Vor allem aber sensibilisierte er die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit für eine Literatur, die geographisch im sächsischen Raum verortet ist, aber sprachlich-kulturell und geschichtlich eine eigene Tradition inaugurierte, die der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland nahezubringen eine Lebensaufgabe für Kito Lorenc war. In den Anthologien Sorbisches Lesebuch (Leipzig 1981) und Das Meer, Die Insel, Das Schiff. Sorbische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart (Heidelberg 2004) übergab er die Früchte einer immensen Forschungs-, Sammlungs- und Übersetzungsarbeit der deutschen Öffentlichkeit. Eine Sisyphos-Arbeit, die Kito Lorenc im November 2006 zusammen mit Roza Domascyna in der Sächsischen Akademie präsentierte. Maßgeblich war er auch an der Vorbereitung und Gestaltung der Autorentagung "Sorbische Literatur" im April 2006 in Bautzen beteiligt. Die Sächsische Akademie der Künste würdigt die Verdienste von Kito Lorenc um den Transfer zwischen der sorbischen und deutschen Kultur, die nicht hoch genug zu veranschlagen sind.

Kito Lorenc wird aber auch vor allem in Erinnerung bleiben als Dichter. Als ein Dichter, der fernab jeder Provinzialität seit den siebziger Jahren mit Ingrimm und Sarkasmus die Absurditäten realsozialistischer Provenienz auf den Punkt brachte: listig, genau, pointiert. So etwa in dem weiland aufsehenerregenden Gedicht "Mitteilung", das eine vorgebliche Mitteilung des Postministeriums – in Wirklichkeit war es ein Politbüro-Beschluss - über das Verbot der sowjetischen Zeitschrift Sputnik im Zentralorgan der SED Neues Deutschland palimpsestiert: wie da miniterium mitteilt / it der ipunkt getrichen worden / er bringt keinen beitrag / der der fetigung dient / tatt deen verzerrende beiträge / zur gechichte / (Nach der Zeitungsmeldung vom 19.11.1988). Solcherart Konterbande verbreitete sich in Windeseile im sterbenden Staat DDR, auch wenn sie gesammelt erst 1990 im Gedichtband Gegen den großen Popanz erscheinen konnte. Bereits 1983 gab Lorenc in einem Interview Rechenschaft über einen "Wandel in der Sprechweise meiner Gedichte. (…) Ich merkte, daß ich mich zunehmend rieb an der Sprache der Massenmedien und an vorherrschenden öffentlichen 'Sprachregelungen'." Zu dieser Zeit war Kito Lorenc längst zu einem weithin anerkannten Dichter und Mittler zwischen der deutschen und sorbischen Kultur avanciert, wie es die Gedichtbände Struga (1971) und Flurbereinigung (1973/1988) eindrucksvoll belegen. Die intensive Zuwendung zur Lausitzer Landschaft bestimmte das Zentrum seiner Lyrik, wie es Verse aus dem Gedicht Struga programmatisch bestimmen: Die Struga / in uns eine Saite, wie tönt sie. Ich geh / sie zu stimmen, heut / geh ich zur Quelle. In den Gedichtbänden der letzten Jahre, darunter einem von Peter Handke bevorworteten Auswahlband (2013), beschwört der Dichter eindrucksvoll das Schwinden von Natur, aber auch der eigenen Lebenszeit: Aber auch ohnedies / nehme ich deutlich jetzt / das Vorrücken / der Zeit wahr / sehe, höre /die Zeiger zustoßen / Sekunde / um / Sekunde.“ Nun sind die Zeiger der Lebensuhr jäh angehalten worden.

Peter Geist für die Klasse Literatur und Sprachpflege



Hans Theo Richter-Preis 2017 an Marlene Dumas

Der Hans Theo Richter-Preis für Zeichnung und Graphik der Sächsischen Akademie der Künste wird in diesem Herbst an die Künstlerin Marlene Dumas verliehen. Marlene Dumas gilt als eine der wichtigsten Künstlerinnen der Gegenwart und genießt höchste internationale Anerkennung.

Die Preisverleihung findet statt am 23. November 2017 um 19 Uhr im Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (auf Einladung). Die Laudatio hält Prof. Dr. Ulrich Bischoff, ehem. Direktor der Gemäldegalerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Der von der Witwe Hans Theo Richters gestiftete Preis ist mit 20.000 Euro dotiert und wird in Zusammenarbeit mit der Hildegard und Hans Theo Richter-Stiftung und dem Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in der Regel aller zwei Jahre vergeben. Das zuständige Wahlgremium besteht aus den ordentlichen Mitgliedern der Klasse Bildende Kunst der Sächsischen Akademie der Künste, dem Vorstand der Hildegard und Hans Theo Richter-Stiftung Stiftung und der Direktorin des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Dresden, 14.9.2017



2016




Offener Brief - Standort für die Sächsische Akademie der Künste

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Dr. Stange,

über die Medien erhielt die Sächsische Akademie der Künste am 23.06.2016 davon Kenntnis, dass eine Entscheidung über die Zukunft des Dresdner Blockhauses, bis 2013 Standort der Akademie, getroffen worden ist.

Die Akademie begrüßt ausdrücklich, dass das Blockhaus als öffentlicher kultureller Ort erhalten bleibt, und befürwortet das Konzept eines „Archivs der Avantgarde“ als Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Damit wird ein zwingend benötigter kräftiger Akzent die kulturelle Landschaft der Landeshauptstadt und des Freistaates beleben.

Nachdem das Blockhaus seine Bestimmung gefunden hat, stellt sich mit umso stärkerer Dringlichkeit die seit 2013 vom Freistaat offen gelassene Frage nach dem Standort der Akademie. Klare und verbindliche Aussagen hierzu werden dringend von Ihnen erwartet, zumal Sie, verehrte Frau Ministerin, am 18.06.2016 in Ihrem Grußwort zum 20-jährigen Bestehen der Akademie eine andere Darstellung der Standortfrage vermittelt haben. Auch Ihr Schreiben vom 20.06.2016 enthielt keine Antwort auf meine explizite Anfrage vom 13.06.2016 zur Zukunft des Blockhauses, obwohl zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung der Staatsregierung gefallen war. Die Akademie hätte es begrüßt, die Nutzungsentscheidung für das Blockhaus mit der Standortfrage der Akademie zu verbinden.

Vor dem Hintergrund des gemeinsamen Bemühens um eine lebendige und vielfältige sächsische Kulturlandschaft erwartet die Akademie ein klares Bekenntnis und einen angemessenen Umgang mit den uns gemeinsam bewegenden Aufgaben.

Dresden, 24. Juni 2016

Prof. Wilfried Krätzschmar, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste



Memorandum

Die Sächsische Akademie der Künste begeht in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Die Mitgliederversammlung vom 18. Juni 2016 hat sich mit der Bilanz ihrer 20-jährigen Arbeit befasst und Fragen nach der Zukunft der Akademie und der Rolle von Kunst und Kultur in der Gesellschaft diskutiert. Sie richtet das folgende Memorandum an die Sächsische Staatsregierung und den Sächsischen Landtag:

Die Sächsische Akademie der Künste verweist im Jahre ihres 20-jährigen Bestehens mit Nachdruck auf ihren Leistungswillen und ihre Potenzen, auf ihren Platz im Kulturleben und die Aufgaben gegenüber der Gesellschaft. Die Sächsische Akademie der Künste wurde 1996 nach dem Vorbild der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der Akademie der Künste Berlin als Vollakademie gegründet, aber von der Sächsischen Staatsregierung zu keinem Zeitpunkt personell und finanziell zureichend ausgestattet, um den Absichten des Gesetzgebers und den Aufgaben einer wichtigen Institution des Freistaates Sachsen gerecht werden zu können.

Es fehlen noch immer die sachlichen und personellen Voraussetzungen, um die im Gründungsgesetz von 1994 niedergelegten Aufgaben zureichend umzusetzen:
- Förderung der Kunst und Vorschläge zu ihrer Förderung zu unterbreiten
- Pflege der Überlieferung des traditionellen sächsischen Kulturraums
- Entfaltung öffentlicher Wirksamkeit
- Anlage eines Archivs, in dem die Akademie ihre eigene Arbeit und die ihrer Mitglieder dokumentiert

In der jetzigen Ausstattung mit 2,25 Stellen, die aus einem Jahresetat von 395.000 Euro finanziert werden, ist die Akademie nicht in der Lage, die ihr übertragenen Aufgaben zureichend zu erfüllen. Mit den jährlichen Veranstaltungen in verschiedenen Formaten, Tagungen, Ausstellungen, Workshops und Konzerten im Freistaat Sachsen, aber auch in den Nachbarländern, strebt sie nach der notwendigen Wirksamkeit in der Öffentlichkeit. Hinzu kommen die satzungsgemäßen Mitgliederversammlungen, Zusammenkünfte der Klassen und des Senats.

Erforderlich sind ein deutlicher Finanz- und Stellenaufwuchs um
- 1,0 Referentenstelle für Öffentlichkeitsarbeit/Social Media
- 1,0 Referentenstelle für Archiv und Dokumentation
- 2,5 Referentenstellen für die Arbeit der Klassen (je 0,5 Stellen pro Klasse)

Länderakademien zum Vergleich:
Akademie der Künste (Berlin), (Bundesakademie): 402 Mitglieder, über 40 Mitarbeiter für den Programm- und Mitgliederbereich
Bayerische Akademie der Schönen Künste (München): 287 Mitglieder; 10 Mitarbeiter
Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt): 190 Mitglieder; 7 Mitarbeiter
Sächsische Akademie der Künste Dresden: 168 Mitglieder; 2,25 Mitarbeiter

1. Wir fordern Gespräche über den auch vom SMWK als notwendig erachteten Ausbau, um vom provisorischen Status zur vollen Arbeitsfähigkeit gelangen zu können.

2. Wir fordern Aussagen der Staatsregierung und des Landtages zur Perspektive des Standortes, nachdem die Akademie mit dem Blockhaus nach dem Elbehochwasser 2013 ihren vom Freistaat 1996 zugewiesenen Standort verloren hat.

3. Wir fordern Positionierungen der Staatsregierung und des Landtages zu den von der Akademie vorgelegten Überlegungen zu den aktuellen Aufgaben der Akademie im Freistaat, zur Arbeit mit den mittel- und osteuropäischen Nachbarn und zu den Zukunftskonzepten der Akademie.

Wir ersuchen die Staatsregierung und den Landtag, mit dem Doppelhaushalt 2017/2018 eine rasche Änderung der Lage herbeizuführen. Die Akademie bekundet ihren Anspruch – nicht zuletzt vor dem Hintergrund 20-jähriger engagierter Arbeit – verbindliche Antworten zu erhalten und mit den kulturpolitisch Verantwortlichen in den dafür notwendigen Dialog einzutreten.

Dresden, 18. Juni 2016

Die Mitgliederversammlung der Sächsischen Akademie der Künste vertreten durch den Präsidenten Prof. Wilfried Krätzschmar



Gedanken zum Jubiläum
Rede des Präsidenten zum Festakt 20 Jahre Sächsische Akademie der Künste

Sehr geehrte Frau Staatsministerin!
Verehrte Ágnes Heller! Lieber Herr Dr. Porstmann!
Sehr geehrter Herr Großmann von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen!
Sehr geehrte Frau Kulturbürgermeisterin Klepsch!
Liebe Akademiemitglieder! Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die Sächsische Akademie der Künste besteht nunmehr zwanzig Jahre.
Das ist ein Grund zum Feiern! Und wir wollen es feiern! Unter allen Umständen.
Und auf unsere Weise. Wir wollen zeigen, was wir in den zwei Jahrzehnten geleistet haben.
Und was wir zu leisten imstande sind. Und was wir willens sind, weiterhin zu leisten.
Der Blick zurück, wie er sich für das Jubiläum gehört, soll der Gründung und dem Aufbau die gebührende Ehre erweisen. Der Blick auf das Heute, wie ihn die Umstände verlangen, gilt den Forderungen der Gegenwart und unserem Befinden mittendrin. Dem Blick nach vorn gehört unser Hauptaugenmerk, zusammengefasst in der Vokabel Wohin. Wenn Jubiläen zu etwas Gescheiterem als bloßem Schulterklopfen taugen, dann sind es die Zukunftsfragen. Die Akademie thematisiert sie auf ihre Weise; mit Kunst, mit Reflexion, in Bildwerken und einem Veranstaltungsreigen.

Wohin mit der Schönheit?
Der Mitteldeutsche Rundfunk begründet in einer Pressekonferenz im Jahre 2003 die Umbenennung seines Radio-Kulturprogrammes in FIGARO damit, Umfragen hätten ergeben, dass es „beim Begriff Kultur einen Abschreckungsfaktor gibt.“ Der Präsident des Deutschen Komponistenverbandes Manfred Trojahn verweist auf die Veränderung im gesellschaftlichen Wertgefüge und sagt – das Zitat stammt von 2005:

„War es noch vor Jahren unmöglich, sich als jemand entlarven zu lassen, der Kunst und Kultur gleichgültig gegenübersteht, ist es heute schon beinahe zum guten Ton gehörig, die Hochkultur und geistigen Anspruch zu problematisieren und sich den Beifall derer zu sichern, denen der Zugang dazu durch ihr geringes Bildungsniveau verwehrt ist.“

Der Direktor der Städtischen Bibliotheken Dresdens berichtet auf einer Tagung vor wenigen Wochen von dem Nebeneffekt, dass die weitreichenden sprachlichen Vereinfachungen, die angesichts des neuerdings großen Anteils an Migranten im Bibliotheks-Publikum für den Tagesbetrieb notwendig einzuführen waren, auch den Einheimischen deutlich hilfreich wurden, mit der deutschen Sprache besser zurecht zu kommen.
Die Aufzählung ist fortsetzbar. An Beispielen dürfte das genügen, um jubiläumsbeschwipsten Illusionen vorzubeugen, wo wir uns tatsächlich befinden.

„Wohin mit der Schönheit?“ – Das Motto, unter das wir das Jubiläumsjahr der Akademie gestellt haben, scheint zunächst für manchen ein Anlass zu sein, sich wieder einmal in den jahrtausendalten Erörterungen von Schönheitsfragen zu tummeln. Dabei ist die Metapher nicht weniger als von existenzieller Brisanz. Ihr erstes Wort ist das Wohin, und das macht klar, dass es um nichts anderes geht als eben Zukunftsfragen. Wir nehmen das Jubiläum der Akademie zum Anlass, auf uns selbst zu schauen und vor allem um uns herum mit der Frage, was eine Akademie der Künste eigentlich ist, oder sein soll, oder schärfer auf den Punkt gebracht: Was bedeutet eine Akademie der Künste im Bewusstsein der Gesellschaft?

Wir können hinausgehen! Wir können ein paar Passanten danach fragen! Und dann werden wir zu überlegen haben, was wir mit den Antworten anfangen!

Geben wir die Antwort vor allem erst einmal selbst. Sie ist mit einfacher Klarheit auszusprechen:
In einer Akademie der Künste versammelt die Gesellschaft das, worauf sie stolz zu sein Grund hat. Das, was sie legitimiert, als Gesellschaft ernst genommen zu werden. Und wovon nicht weniger abhängt als ihr Überleben – was meint, auch in späteren Zeiten geschichtlich noch als eine Gesellschaft mit einem Gesicht wahrgenommen zu werden.
Was wüssten wir heute noch von Graf Arco, wenn ihm nicht der historische Zufall die Rolle gegönnt hätte, Mozart in den Hintern zu treten? – Ein lehrreiches Beispiel für die Anordnung von Wertigkeiten in Gesellschaftsgefügen.

Die Zwanzig ist keine so bemerkenswerte Zahl, dass sie Festakte samt aufwendigen Programmen zwingend mit sich zu bringen hätte. Dass wir solche Anstrengung unternehmen, das Bestehen der Sächsischen Akademie der Künste sichtbar zu machen, ist weniger dem Gewicht der Jahre geschuldet als vielmehr dem, welches wir dem Platz beimessen, den die Akademie im Zusammenwirken unseres Gemeinwesens einnimmt, wie auch, unter welchen Umständen sie diesen zu behaupten hat.

Das Bild aus der Mozart-Biographie ins Heute projiziert, fällt bezüglich des In-den-Hintern-Tretens nicht mit so wortwörtlicher Drastik aus.
Wir sind aus dem Blockhaus rausgeflogen. Wir erhalten den Bescheid, dass man uns weder zur Perspektive unseres Standortes etwas mitteilen, noch in Beratungen zur Zukunft dieses Hauses einbeziehen wird. Das hat auch seine Qualität. Wir können uns mit Mozart trösten bei dem Gedanken, dass im Gedächtnis späterer Zeiten die hier versammelte Kunst eine Rolle spielen wird – und vielleicht den einen oder anderen Treter noch mit durch eine Fußnote ziehen mag.
Allerdings hilft das im Moment wenig.
Die Balance, in einem Festakt zu sprechen, ohne zu verschweigen, wie es uns geht, ist eine wenig vergnügliche Übung. Und es ist einfach schlecht über Wirksamkeit zu sprechen bei beschnittenen Wirkungsmöglichkeiten.

Vielleicht läßt sich mit Rückblicken näher ans Schöne kommen.
Mit Hochachtung und Respekt schauen wir auf die Gründung der Akademie vor zwanzig Jahren, auf das umfassende und arbeitsintensive Engagement im Vorfeld, um diese neue Akademie ins Leben zu rufen. Künstler und Kunsttheoretiker von Rang haben Verbündete in der Politik des Landes gefunden und in gemeinsamer Überzeugung einen beherzten Aufbruch ins Werk gesetzt.
Überzeugt nicht nur vom künstlerischen Auftrag und der kulturpolitischen Verantwortung, sondern vor allem auch von der gesellschaftspolitisch nachhaltigen Wirkung, die von dieser Institution im Freistaat auszugehen hat – für Identität, Wertgefüge, Austausch, gesellschaftliche Wohlgestalt.
Die Präambel der Satzung bringt es zum Ausdruck. Und wir sollten uns von der Emphase, die darin schwingt, immer wieder ohne Vorbehalt berühren lassen:

„Geleitet von dem Willen, in der Reflexion über die Künste Bilder von Gegenwart und Geschichte zu gewinnen, die einer menschenwürdigen Zukunft verpflichtet sind, und, gestützt auf die Kräfte des sächsischen Kulturraumes, Vorstellungen davon zu befördern, wie deutsche Kultur in ihrer internationalen Verflechtung zum Verbund der Gesellschaft beitragen kann (...)“

Mit der Würdigung dieses Amalgams aus Mut und Weitsicht verbindet sich die Beobachtung, dass Leistungswillen und solches Zusammenrücken einer Gemeinschaft offenbar gerade in Zeiten karger Umstände und ungewisser Horizonte gelingen, während die saturierten Situationen eher dem Bedenken und Verrechnen Raum geben und damit dem Zerfall ins Kleinkarierte, ins Beliebige und Bequeme. Nicht von ungefähr standen kurz nach dem Krieg bei aller Entbehrung Kunst und Kultur als Lebenselixier an zentraler Stelle. Man hat sich aufgerafft, man hat sogar ein Orchester gegründet und es zu einem der besten des Landes sich profilieren lassen. Jetzt, wo es uns im Vergleich recht gut geht, wurde es wieder abgeschafft.

Jubiläen sind doppelgesichtig. Wir blicken auf das Geleistete, auf gemeisterte Wegstrecken, genauso wie auf das Unabgegoltene, auf die Dinge, die nicht gelungen sind, unerreichte Ziele, Wünsche, die offen bleiben mussten.
Dass eine Akademie der Künste geschaffen wurde, die erste in einem Bundesland nach 1989, war eine Leistung, die hochherzig zu nennen ist. Und der Geist des Aufbruchs hat bemerkenswerte Kräfte entwickelt, von Hoffnung und ansteckendem Enthusiasmus getragen. Mit Hochachtung schauen wir auf den Schwung, mit dem die Arbeit in dieser Anfangsphase in Gang gebracht wurde. Wir registrieren eine mutige Agenda der Vorhaben, um als Impulsgeber und geistiges Zentrum dem Freistaat das Bestmögliche zu geben. Mit Respekt schauen wir auf das, was erreicht werden konnte.
Es ist gelungen, den Disput zu Kunst und Kultur in ihrer Verbindung mit den gesellschaftlichen Fragen in die Öffentlichkeit zu tragen, Anstöße zu geben, Positionen zu vermitteln, Resonanzen zu erzeugen und sich in aktuelle Prozesse einzubringen.
Zu wichtigen kulturpolitischen Debatten hat die Akademie öffentlich Stellungnahmen abgegeben, im oftmals heftigen Widerstreit der Glaubenslager versucht, mit klaren Positionen Orientierung zu vermitteln. Allerdings – und auch das gehört zur Bilanz – sind die Wirkungen recht oft im ideellen Bereich verblieben; ich habe das Beispiel mit dem Orchester der Landesbühnen Sachsen erwähnt.

Zu den verschiedenen Veranstaltungsformaten kamen die Publikationen – Dokumente, die Zeugnis geben von der Erarbeitung wichtiger gesellschaftlich relevanter Themen. Auch die Kooperationsbeziehungen sind zu nennen, aufgebaut im produktiven Geben und Nehmen – zu anderen Akademien, zu Partnern unterschiedlicher Konfiguration im Freistaat und den Nachbarländern, und vor allem auch ins benachbarte Ausland; ich nenne Wrocław, Hradec Králové, Kiew, Liberec, Lwiw, Prag, Straßburg. Die Kooperationsbeziehungen zu den östlichen Ländern gehören zum zentralen Selbstverständnis der Sächsischen Akademie; sie stellen ein weithin beachtetes Alleinstellungsmerkmal unter den Akademien in Deutschland dar; das bedeutet ein Kapital und einen Auftrag gleichermaßen.

Der akute Zustand unserer Gesellschaft stellt unsere gesamte Arbeit in neu herausfordernde Zusammenhänge. „Wohin mit der Schönheit?“ bekommt aktuell eine noch einmal heftigere existenzielle Schärfe für die Rolle der Kunst. Den drängenden Fragen stellt sich eine neu aufgenommene Diskussionsreihe, bei der sich die Mitglieder akademieintern austauschen, mit Fachleuten als Gästen, die aus Politik und verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zum Dialog eingeladen werden. Der Effekt ist nachhaltig und für die künftige Arbeit von enormer Bedeutung! Und die Gemeinsamkeit der Künste zeigt sich gerade auch an den problematischen Gegenständen in besonderer Weise.

Ich habe die Akademiegründung als hochherzige Angelegenheit bezeichnet. Das war sie vor allem als ideelle Kategorie. Als materielle Realität wurde das Werk eher halbherzig angegangen. Und „halb“ ist hier rechnerisch sogar schon hoch gegriffen. Der sehr reduzierten Startausstattung sollte die zweite Ausbaustufe folgen, um für die auf den Weg gegebenen Aufgaben gerüstet zu sein. Bis heute hat die Akademie sich vergeblich abgemüht, aus dieser Anfangsausrüstung herauszukommen. Die nunmehr Zwanzigjährige hat immer noch in dem fadenscheinigen Kleidchen von damals vor der Öffentlichkeit zu agieren, und sie legt Wert auf die Feststellung, von sich aus eigentlich nichts mit Magersucht im Sinne zu haben. Die Kulturpolitik des Freistaates hat die Verantwortung für eine seinerzeit zugesagte voll arbeitsfähige Apparatur bislang nicht eingelöst. Die Einschränkungen, die daraus entstehen, belasten unsere Arbeit schwer. Es ist eine sehr spezielle Anstrengung, sich trotz der ständig aufs Hoffen abgeschobenen Argumente und Beschwichtigungen in seinem Leistungswillen nicht beeindrucken zu lassen.

Die Liste des Unabgegoltenen ist folglich gravierend. Sie soll aber jetzt hier die Festversammlung nicht mit Ausführlichkeit behelligen. Sie beginnt alphabetisch mit dem Archiv: wir können bis heute die Dokumentation des Wirkens unserer Mitglieder, wie sie das Gründungsgesetz vorsieht, nicht ansatzweise leisten. Der schmerzlichen Feststellung ist nicht auszuweichen, dass mit fortschreitender Zeit und dem Ableben älterer Mitglieder hier Verluste entstehen, die nicht mehr einzuholen sind, Verluste vor allem auch für das kulturelle Gedächtnis des Freistaates; Abbrüche, denen mit Ohnmacht zuzusehen wir durch fehlende Kräfte und Mittel gezwungen sind.
Die Liste endet bei Z mit Zuweisung, deren Größenordnung der Gründungspräsident damals als Lächerlichkeit bezeichnet hat. Dass auch nach zwanzig Jahren kein Schimmer einer Veränderung am Horizont wahrnehmbar ist, haben wir als das Signal zu verstehen, weiterhin, wie es sich für Künstler gehört, vor allem vom Beifall zu leben. Den bekommen wir, in unterschiedlichen Dosen. Und wir nehmen ihn gern, besonders auch an einem Tag wie dem heutigen.

Wohin mit der Akademie der Künste?
In ein Haus, in welchem, mitten in der Kulturszene der Hauptstadt des Freistaates Sachsen, die Künste sich begegnen; wo mit vielfältigen Angeboten der Dialog mit der Öffentlichkeit anregende Formen findet, Ausstellungen aktuelle Kunst zeigen und Musikangebote sie hören lassen,
ein Haus, in dessen Offenheit Hochkultur und Szene sich begegnen, ebenso Praxis und Theorie und Politik, Stipendiaten Arbeitsmöglichkeiten in offenen Werkstattformaten wahrnehmen können,
Gäste begrüßt werden nicht nur aus Kunst und Kultur, sondern jeglichen Bereichen,
und dies alles zusammen als ein kräftiger Puls von der kulturellen Lebendigkeit des Landes kündet.
Das ist zur Zeit eine Vision. Und nach Helmut Schmidt müsste ich zum Arzt gehen. Der wird mir raten, an der Vision festzuhalten. Denn sonst müsste das Land zum Arzt kommen.

Weil die Akademie weiß, worum es wesentlich geht, und was es wert ist, wird sie auch trotz aller Widrigkeiten an ihren Aufgaben bleiben. Das ist sie sich und der Gesellschaft schuldig. Und sie wird an ihrem Stolz festhalten. Und auf das Wohin entschlossene und beherzte Antworten geben.
In der Ausstellung wird dies uns nachher in künstlerischen Zwiesprachen begegnen. Ebenso im Reigen der vielfarbigen Programme in den nächsten Tagen. Lassen wir uns davon erfassen, wenn es spürbar wird: Die Kunst macht, dass wir tatsächlich leben.

Wohin mit der Kunst? Töricht der Gedanke, ihr zu entkommen.
Wohin mit uns – allen? Unser Gewinn, ihr entgegenzukommen.

Dresden, 17. Juni 2016
Städtische Galerie Dresden / Landhaus
Prof. Wilfried Krätzschmar



Dresdner Architekt Dieter Schölzel verstorben

Wie seine Familie heute der Akademie bekanntgab, ist Dieter Schölzel am Freitag, 6. Mai 2016, nach langer Krankheit verstorben.

Dieter Schölzel wurde am 4. Juni 1936 in Hauswalde (Kreis Kamenz) geboren. Nach seinem Architekturstudium 1954 bis 1961 an der Technischen Universität Dresden war er von 1961 bis 1965 Assistent, arbeitete ab 1965 als Architekt im Institut für Kulturbauten Berlin und ab 1969 als Leiter der Außenstelle in Dresden. Von 1990 bis 1996 leitete er das Dresdner Büros der AIK Planungsbüro Kulturbauten GmbH. Seit 1997 war er als freier Architekt in der Architektengemeinschaft Kulturbauten tätig.

Mit Dieter Schölzel verbinden sich der Wiederaufbau wichtiger Kulturbauten Dresdens, wie der Semperoper, der Frauenkirche, des Dresdner Stadtschlosses und des Taschenbergpalais. In den neunziger Jahren gehörte er zu den Initiatoren der Gestaltungssatzung zum Dresdner Neumarkt: "Ich gehe davon aus, dass moderne Architektur nicht alles leisten kann. Moderne Architektur hat viele Erfolge bei Einzelbauten, aber nicht bei Stadträumen oder beim 'alten Marktplatz'. Zu wünschen wäre, dass nicht nur unter Architekten, sondern auch mit Investoren ein Grundkonsens gefunden wird, ... dass an der einen oder anderen Stelle eine ganz besondere Lösung entsteht..." Obwohl er zeitgenössische Stadtentwicklungen kritisch begleitete, legte er mit Wolfgang Hänsch alternative Umbauplanungen zum Kulturpalast Dresden vor, die auf den Erhalt des Kulturpalastes als wichtiges Zeugnis der Nachkriegsarchitektur in Ostdeutschland zielten.

Vom Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf wurde Dieter Schölzel am 23. Januar 1996 zum Gründungsmitglied der Sächsischen Akademie der Künste berufen. Dieter Schölzel war in den ersten Jahren eines der aktivsten Mitglieder der Klasse Baukunst. Beiträge und Diskussionen sind u.a. in den Akademie-Publikationen "Bautzen. Probleme der Stadtentwicklung" (Dresden 1999), "Dresden. Stadtplanung und Stadtentwicklung" (1999) und "Architektur und Städtebau der Nachkriegsmoderne in Dresden" (Dresden 2003) enthalten.

Im Auftrag der Akademie setzte sich Dieter Schölzel 1997 mit dem damaligen Akademie-Präsidenten Werner Schmidt dafür ein, den Bautzner Rietschel-Giebel wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dass die von Ernst Rietschel 1840 für das Dresdner Hoftheater geschaffene Figurengruppe, seit 1902 am Theater Bautzen befindlich und nach dem Abbruch des Theaters 1969 eingelagert, seit 2005 auf der Ortenburg Bautzen wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, ist unter anderem Dieter Schölzel zu danken.

Die Akademie verliert mit Dieter Schölzel einen kunst- und architektonisch versierten Experten und einen anregenden, im In- und Ausland geachteten Kollegen. Der Termin der Trauerfeier wird von der Familie bekanntgegeben.

Dresden, 11. März 2016

Sächsische Akademie der Künste



Die Sächsische Akademie der Künste trauert um Michel Tournier

Kaum ein französischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hat sich Deutschland so verbunden gezeigt wie Michel Tournier. Michel Tournier, Sohn zweier französischer Germanisten, studierte von 1946 bis 1950 Philosophie und Jura in Paris und Tübingen, arbeite beim französischen Sender Europe 1 und später als Lektor bei den Verlagshäusern Plon und Gallimard. Darüber hinaus war er als Übersetzer aktiv. Für seinen zweiten Roman «Le Roi des Aulnes» (1970, dt. «Der Erlkönig«), erhielt er den bedeutendsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Seine Romane, Essays und Kinderbücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Tournier starb am 18. Januar 2016 im Alter von 91 Jahren in Choisel bei Paris.

Dresden, 19. Januar 2016

Sächsische Akademie der Künste



2015



Stellungnahme zu Wiederaufbauplänen des Narrenhäusels am Neustädter Markt

Die Mitglieder der Sächsischen Akademie der Künste haben sich auf folgende Stellungnahme zu Plänen für die Wiedererrichtung des an der Augustusbrücke gelegenen, im Krieg zerstörten und 1950 abgerissenen Narrenhäusels verständigt: Anders als die Frauenkirche, die als gesellschaftliches und kulturelles Zentrum auch städtebauliches Zentrum der Dresdner Altstadt war und in enger Wechselwirkung mit der Bebauung des Neumarktes stand, war das Narrenhäusel ein Profanbau ohne vergleichbare Bedeutung für die Bebauung des Neustädter Elbufers. Es war weder Leitbau im lokalen, baulichen Kontext, noch war es von überregionaler Bedeutung.

Unter der Prämisse, dass der historische Stadtgrundriss wieder hergestellt wird und eine städtebauliche Neugliederung des Neustädter Markts erfolgt, hält es die Akademie für angemessen, an dieser Stelle keinen Nachbau auszuführen, sondern mit dem Akzent eines Neubaus in höchster Qualität ein Dokument zeitgenössischer Architektur mit dem der Bedeutung der Stadt gemäßen Anspruch zu präsentieren. Das Gebäude soll zeigen, wie hervorragende Architekten unserer Zeit Geschichte interpretieren und den Dialog zwischen Altem und Neuem anregend entfalten auf eine Weise, dass auch künftigen Generationen die verschiedenen Zeit-Schichten an diesem besonderen Ort erkennbar sind.

Städtebaulich ist der Brückenkopf mit dem Blockhaus eine der bedeutsamsten Adressen im Stadtpanorama. Er bildet den Schnittpunkt der Kulturachsen zwischen Japanischem Palais und Volkskunstmuseum/Regierungsviertel einerseits und dem Romantikmuseum/Kästner-Museum und Schloss/Zwinger/Semperoper andererseits. Bereits in den vergangenen Jahren hat die Akademie – berücksichtigend, dass einzelne Mitglieder die historisierende Wiedererrichtung befürworten – deutlich gemacht, dass sie dieses Areal als idealen Standort für einen wegweisenden Kulturbau bewertet, und sich für den Neubau eines Konzerthauses/Philharmonie ausgesprochen.

Die Akademie plädiert, für das Areal des Neustädter Marktes einen groß angelegten, ergebnisoffenen städtebaulichen und architektonischen Wettbewerb zu initiieren, der in seiner Ausstrahlung das Bild und die Stadtentwicklung Dresdens positiv beeinflusst. Dieser Wettbewerb erfordert die Erarbeitung funktionaler und städtebaulicher Zielstellungen und Konzepte, die weder durch zeitliche Zwänge, noch durch schnelle Bauentscheidungen die Gesamtentwicklung beeinträchtigen oder verhindern dürfen.

Für die Entwicklung des Neustädter Elbufers und des Neustädter Marktes ist nicht der Blick in die Vergangenheit, sondern dringlich ein Blick in die Zukunft anzudenken.

Dresden, 28. Dezember 2015

Wilfried Krätzschmar
Präsident der Sächsischen Akademie der Künste



Aus meiner Sicht Montag
Debatte zur Krise der Gesellschaft


Die Sächsische Akademie der Künste begrüßt Debatten zur aktuellen Situation unserer Gesellschaft und den Diskurs über das, was ihre Identität, ihre kulturelle Konstitution und ihre Zukunft ausmacht. Der Austausch über den Zusammenhalt der Gesellschaft und über die Zukunft unseres Landes hat seit der Wiedervereinigung in der notwendigen fundierten Weise nicht stattgefunden und ist überfällig. Daher sieht die Akademie in den aktuellen Diskussionen eine Chance, sich über die Zukunft unsrer Gesellschaft zu verständigen. Bei allen Herausforderungen, vor die uns die hohe Zahl der Flüchtlinge und die schwierige politische Situation in Europa gegenwärtig stellen, ist festzuhalten, wie wenig es sich vordergründig um eine Flüchtlingskrise und um wieviel mehr es sich um eine Krise der Gesellschaft und ihrer Institutionen handelt.

Aus diesem Grund begrüßen wir die in der Sächsischen Zeitung geführte Debatte "Aus meiner Sicht Montag". Aus Anlass des Beitrages von Jörg Bernig "Zorn allenthalben" vom 21.12.2015 ist jedoch ausdrücklich darauf zu verweisen, dass dieser Text eine private Meinung und nicht eine Stellungnahme der Akademie darstellt. Die Akademie tritt auf der Grundlage ihres Selbstverständnisses für Weltoffenheit ein und unterstützt das Engagement der von Kultureinrichtungen getragenen Initiative WOD. Wir gemahnen eindringlich daran, dass sich die akuten Probleme nur lösen lassen, wenn die bedrückenden Sorgen und Fragen mit Sorgfalt und Verantwortung getrennt werden von Stimmungen, Ressentiments und dem Schüren von Ängsten.

Aus Anlass ihres 20-jährigen Bestehens plant die Sächsische Akademie der Künste für das Jahr 2016 eine Reihe von Veranstaltungen, die unter dem künstlerischen Motto "Wohin mit der Schönheit?" gezielt den politischen Diskurs über das Funktionieren der Gesellschaft ins Zentrum stellen.

Dresden, 22. Dezember 2015

Prof. Wilfried Krätzschmar
Präsident der Sächsischen Akademie der Künste



Die Sächsische Akademie der Künste trauert um Kurt Masur

Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Akademie und verkörpert mit seiner Persönlichkeit die humanistische Tradition eines hohen, unabdingbaren kulturellen und menschlichen Anspruchs in umfassender Weise – als Musiker von großartiger Ausstrahlung mit einem großen Lebenswerk, als Anreger und unerschrockener Streiter von beispielhaftem Engagement für eine kulturvolle menschenwürdige Gesellschaft, als Weltbürger mit dem offenen Geist der Brüderlichkeit.
Das Andenken an sein Wirken wird der Akademie Verpflichtung sein.

Dresden, 21. Dezember 2015

Für die Sächsische Akademie der Künste
Wilfried Krätzschmar, Präsident



Freiheit für ASHRAF FAYADH
Weltweite Lesung am 14. Januar 2016

Das internationale literaturfestival berlin (ilb) ruft alle Menschen, Institutionen, Schulen und Medien, denen Freiheit und Bürgerrechte wichtig sind, zur Teilnahme an einer weltweiten Lesung von Gedichten und Texten als Unterstützung für Ashraf Fayadh, am 14. Januar 2016 auf.
Ashraf Fayadh, ein 35-jähriger Dichter und Kurator, der in Saudi-Arabien als palästinensischer Flüchtling geboren wurde und dort lebt, ist von einem saudischen Gericht am 17. November 2015 für die “Straftat” des Abfalls vom Glauben zum Tode verurteilt worden. Während der Haft und der Gerichtsverhandlung wurde ihm nicht erlaubt, sich einen Anwalt zu nehmen.
Fayadh ist eine Schlüsselfigur in der Vermittlung zeitgenössischer Kunst aus Saudi-Arabien für ein weltweites Publikum. Chris Dercon, Direktor der Tate Modern und ein Freund des Dichters, hat ihn als jemand beschrieben, "der freimütig und mutig ist".
Zusätzlich zur Verleugnung des Islams wird Fayadh der Blasphemie und der Förderung des Atheismus in seiner 2008 veröffentlichten Gedichtsammlung "Anweisungen von Innen" angeklagt. Fayadh hat dagegen versichert, dass die Gedichte „allein von mir als Flüchtling aus Palästina handeln … über kulturelle und philosophische Probleme. Aber religiöse Extremisten haben es als zerstörerische Ideen gegen Gott gewertet.”
Weitere Informationen unter Internationales Literaturfestival Berlin

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Alain Lance über die Anschläge vom 13. November 2015 in Paris

"Je suis tombé par terre
C'est la faute à Voltaire
Le nez dans le ruisseau
C'est la faute à Rousseau"... (Victor Hugo, Les Misérables)

"Voltaire hat's so gewollt
dass ich einst fallen sollt,
Rousseau wollt es so wenden
dass ich im Dreck sollt ...

So singt der sterbende Gassenjunge Gavroche in Victor Hugos Roman "Die Elenden".

Letzten Freitag, den 13. November 2015, nahm ich in einem nahen Vorort von Paris an einer Veranstaltung teil, die unter dem Zeichen des Apollinaire-Preises für Lyrik stand. Mit dem diesjährigen Preis wurde die belgische Lyrikerin Liliane Wouters ausgezeichnet, und an der Lesung nahmen außer mir auch die Rumänin Linda Maria Baros sowie der Luxemburger Jean Portante teil. Gerade hatte ich ein paar Tage zuvor "Le Temps des assassins (Die Zeit der Mörder)" von Philippe Soupault gelesen, wo der Dichter seine 6-monatige Inhaftierung 1942 in Tunis durch die Polizei des Pétain-Regimes beschreibt. Als ich auf dem Heimweg kurz nach 21 Uhr in der Metro Gruppen von jungen Leuten in Stimmung zum Feiern begegnete, dachte ich daran, dass es Apollinaire war, der das erste Gedicht von Soupault, das er 1917 im Lazarett schrieb, veröffentlichte. Und mir fiel wieder der Vers von 1915 ein, "Ah Dieu! Que la guerre est jolie" ("Mein Gott, ist Krieg doch schön"), der Apollinaire lange vorgeworfen wurde. Seit einer Woche heißt es, wir sind im Krieg.

Alain Lance, Schriftsteller und Übersetzer Paris, Korrespondierendes Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste

Paris, 30. November 2015

Den vollständigen Artikel von Alain Lance über die Folgen des 13. November 2015 in Paris finden Sie im beigefügten Dokument.

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Protest gegen das Todesurteil gegen den Dichter Ashraf Fayadh

Der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, Prof. Wilfried Krätzschmar, protestiert im Namen der Akademie gegen das Urteil, das sich gegen den in Saudi Arabien lebenden palästinensisch-stämmigen Künstler und Dichter Ashraf Fayadh richtet. Ashraf Fayadh wurde von den saudischen Behörden jetzt in einem Berufungsverfahren wegen "Abfall vom Glauben" zum Tod durch Enthaupten verurteilt.

Weitere Information finden Sie im beigefügten Dokument sowie auf der Facebookseite der Akademie und unter https://www.amnesty.de/…/ua-265-…/dichter-droht-hinrichtung…

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Dresden, 26. November 2015



Offener Brief des Sächsischen Kultursenats, der Kulturstiftung des Freistaates und der Sächsischen Akademie der Künste

Unser Land steht vor gewaltigen Herausforderungen. Wir wenden uns an unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger und an die politisch Verantwortlichen, weil wir uns angesichts der aktuellen Entwicklung große Sorgen machen.

Sachsen geriet in den vergangenen Monaten zum wiederholten Mal in den Ruf, ein Hort des Rechtsextremismus, der Fremdenfeindlichkeit und gewalttätiger Auseinandersetzungen zu sein. Sachsen hat ein Problem. Flüchtlinge und Asylbewerber wurden offen attackiert. Ebenso wurden Politiker und Polizisten und Andersdenkende angegriffen. Die Diffamierung und die Hetze gegen Menschen, die aus verschiedenen Gründen – oft ist es ihre nackte Angst ums Überleben – bei uns Hilfe und Schutz suchen, offenbarten sich in einem bisher nicht bekannten Ausmaß.

Es ist ermutigend, dass viele Menschen konkrete Unterstützung leisten und dadurch ihre Mitmenschlichkeit zum Ausdruck bringen. Dafür sind wir dankbar. Gleichwohl ist der Ruf des Landes beschädigt. Deshalb bitten wir alle, die sich der humanistischen kulturellen Tradition verpflichtet fühlen, eindringlich darum, sich nicht gleichgültig zu verhalten und sich gegen jede Form von Gewalt vernehmbar zu Wort zu melden.

Sachsen ist ein der europäischen Kultur und somit auch der Aufklärung verpflichtetes Gemeinwesen. Der wirtschaftliche, kulturelle und soziale Reichtum des Landes wurde in herausragender Weise auch durch Menschen begründet und gemehrt, die aus anderen Kulturen zu uns kamen.

Ob wir die humanitären Herausforderungen bewältigen, vor denen die Zivilisation derzeit steht, ist auch eine Frage unserer kulturellen Identität. Es ist offensichtlich, dass es einfache Lösungen nicht gibt. Umso wichtiger ist die Suche nach klaren Orientierungen und effektiven politischen Strategien. Dazu gehören auch Überlegungen, die Flüchtlingsströme durch internationale Maßnahmen und Hilfen zu begrenzen.

Offenkundig leidet ein nicht geringer Teil der Bevölkerung unter zunehmenden sozialen Spannungen, misstraut der Politik und neigt dazu, Defizite auf Schwächere zu projizieren. Solche Fragen müssen auf allen Ebenen der Gesellschaft offensiv diskutiert werden. Wir ermutigen alle Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich aktiv, weltoffenen und solidarisch für die zu uns kommenden Menschen einsetzen, anständig mit Ihnen umzugehen und Recht und Gesetz einzuhalten. Sie sollten alles tun, was der Radikalisierung und der Eskalierung der zutage getretenen Fremdenfeindlichkeit entgegen wirkt. Sie sollten nichts unterlassen, was geeignet ist, das Bild eines offenen und menschenfreundlichen Landes zu zeichnen.

Wir unterstützen alle Verantwortlichen in Verwaltung, Kultur, Wirtschaft und im Bildungswesen, die sich um eine menschenwürdige Aufnahme der zahlreichen Flüchtlinge bemühen.

Wir fordern alle Mitbürgerinnen und Mitbürger auf, sich dafür einzusetzen und mitzuhelfen, dass alle Flüchtlinge, die bei uns sind und solange sie bei uns sind, menschenwürdig behandelt werden.

Für den Sächsischen Kultursenat
Christian Schramm, Präsident

Für die Sächsische Akademie der Künste
Wilfried Krätzschmar, Präsident

Für die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
Ulf Großmann, Präsident

Dresden, 6. Oktober 2015

vergl. "Der Ruf des Landes ist beschädigt". Offener Brief: Kultursenat, Kulturstiftung und die Sächsische Akademie der Künste warnen vor eskalierender Fremdenfeindlichkeit. In: Dresdner Neueste Nachrichten, 7. Oktober 2015



Franz Martin Olbrisch
Neuer Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste


Die Mitgliederversammlung der Sächsischen Akademie der Künste hat am 2. Oktober 2015 Franz Martin Olbrisch zum neuen Vizepräsidenten gewählt. Olbrisch nannte bei der Wahl sowohl eine stärkere Vernetzung nach innen, als auch die Intensivierung der Vernetzung nach außen als einen Schwerpunkt seiner künftigen Akademiearbeit. Dabei sollen ästhetische und gesellschaftliche Fragen aus den jeweiligen Blickwinkeln der unterschiedlichen Künste ebenso ins Blickfeld gebracht werden, wie regionale und nationale Besonderheiten.



Bewegte Landschaft
Undine Giseke erhält den Gottfried Semper Architekturpreis 2015


Das Kuratorium des Gottfried Semper Architekturpreises aus Vertretern der Sächsischen Akademie der Künste, der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt und des Energieunternehmens Vattenfall hat die Landschaftsarchitektin Undine Giseke zum Preisträger des Gottfried Semper Architekturpreises 2015 bestimmt.

Für Vattenfall liegt das Engagement in der ökologischen und nachhaltigen Ausrichtung des Preises begründet. "Für eine attraktive, lebenswerte Lausitz, deren Landschaft nachhaltig gestaltet wird, haben wir uns immer schon eingesetzt und werden das auch in Zukunft tun. An dieser Stelle schlagen wir die Brücke zu diesem Preis für nachhaltiges, ökologisches Bauen und Landschaftsarchitektur", so Dr. Hartmuth Zeiß, Vorstandsvorsitzender der Vattenfall Europe Mining AG und Vattenfall Europe Generation AG. "Die heute bekanntgegebene Preisträgerin Undine Giseke war an der Entwicklung einer besonderen Transformationsidee für die Bergbaufolgelandschaft des Tagebaues Welzow-Süd beteiligt. Diese Idee einer Wüste/Oase hat der Bergbautourismusverein der Stadt Welzow mit Touren in die Canyons und zu grünen Oasen des Tagebaus aufgegriffen."

Für Dietmar Kammerschen, Stiftungsdirektor der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt, trifft die Wahl Undine Gisekes das Grundanliegen der Stiftung, denn "die Integration der Landschaftsökologie in die Stadtplanung verfolgt konsequent das Prinzip der Nachhaltigkeit und eröffnet neue Perspektiven auch für den Naturschutz im innerstädtischen Bereich."

"Als Architekturpreis für nachhaltiges ressourcenschonendes Bauen muss der Gottfried Semper Architekturpreis auch der zunehmenden Bedeutung der Landschafts- und Freiraumplanung Rechnung tragen", so Prof. Wilfried Krätzschmar, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, im Zuge der Reflexion über die Auswahlkriterien und Ziele des Preises. "Von Vertretern der Landschafts-architektur und der Freiraumplanung wie Undine Giseke mit ihren innovativen ökologischen Projekten gehen maßgebliche Impulse für den nachhaltigen Städtebau und die benachbarten Disziplinen aus."

Undine Giseke, geboren 1956 in Minden/Westfalen, studierte zunächst Germanistik und Soziologie in Düsseldorf und Berlin, anschließend Landschaftsplanung und Landschaftsarchitektur an der TU Berlin. Sie ist Mitbegründerin des Büros bgmr Landschaftsarchitekten (Becker Giseke Mohren Richard, Berlin und Leipzig). 2003 wurde sie zur Universitätsprofessorin an der TU Berlin, Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung, berufen und leitet dort das Fachgebiet Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung. Als Studiendekanin für den Studiengang Urban Design setzt sie für neue Wege in der interdisziplinären Lehre ein. Undine Giseke wirkt in zahlreichen Gremien mit, u.a. als Vorsitzende des Kuratoriums der IBA Heidelberg, im Beirat für den Peter-Joseph-Lenné-Preis des Landes Berlin sowie im wissenschaftlichen Beirat des Laurier Centre for Sustainable Food Systems in Waterloo, Kanada. Sie ist zudem Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau- und Landesplanung (DASL).

Undine Gisekes zentrales Arbeitsgebiet ist die kreative Bearbeitung städtischer Transformationsprozesse von Schrumpfung, Stagnation bis Hyperwachstum von Städten in allen Maßstabsebenen. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch die Verbindung praktischer Landschaftsplanung und Landschaftsgestaltung mit theoretisch fundierter wissenschaftlicher Arbeit auf dem Feld der Landschaftsökologie und Landschaftsarchitektur aus.

Im Jahr 2001 entwickelte sie im Rahmen des kooperativen Gutachterverfahrens "Visionen für den Leipziger Osten" wegweisende Ideen. Vor dem Hintergrund der Leerstandsproblematik wurden von Undine Giseke für die Stadtfelder unterschiedliche Entwicklungspotenziale identifiziert und konzeptionell eine neue Stadtlandschaft (Grünes Rietzschke-Band) mit einem gegenüber den benachbarten Quartieren deutlich höheren Freiflächenanteil entwickelt. Umgekehrt gelang ihr bei der Industrieansiedlung des Leipziger BMW-Werks der umfassende Wandel eines ländlich geprägten Raumes. Für diese neue Landschaft mit ihren vielen technischen Bauwerken wurde das Leitmotiv der ‚bewegten Landschaft‘ entwickelt, unter dem neue und alte Topografien zusammengeführt wurden.

Mit ihrem Projekt "Urban Agriculture as an Integrative Factor of Climate-Optimised Urban Development" arbeitet Undine Giseke seit 2005 im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung initiierten internationalen Projektes "Megastädte von Morgen" in Casablanca. Urbane Landwirtschaft wird hier als Strategie zur klimagerechten Stadtentwicklung in schnell wachsenden Megastädten systematisch erforscht und erfolgreich erprobt.

Die theoretischen und praktischen Beiträge Undine Gisekes haben die jüngere Generation der Landschaftsplaner und Landschaftsarchitekten maßgeblich beeinflusst.

Die Verleihung des Gottfried Semper Architekturpreises 2015 findet am Donnerstag, den 5. November 2015 auf Schloss Wackerbarth in Radebeul statt.

Der Findungskommission des Gottfried Semper Architekturpreises 2015 gehörten an: Prof. Olaf Lauströer (Vorsitzender), Prof. Dipl.-Ing. Angela Mensing-de Jong, Prof. Andreas Wolf (für die Sächsische Akademie der Künste), Prof. Dr. Clemens Deilmann (für die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt).

Dresden, 17. September 2015



Nachruf
Rainer Kirsch (1934-2015


Und schneller drehen sich in der Welt die Dinge
Um die es, ginge es um etwas, ginge.

(Rainer Kirsch)

Sächsische Akademie der Künste trauert um Rainer Kirsch. Am 17. Juli 1934 wurde Rainer Kirsch im sächsischen Döbeln geboren. Er studierte in Halle/Saale und Jena Geschichte und Philosophie. 1957 schloss man ihn wegen widerständischen Denkens vorübergehend aus der SED aus. Kirsch musste sich als Hilfsarbeiter „in der Produktion bewähren“. Seit 1960 war er freischaffend tätig und veröffentlichte erste Gedichte. 1963-1965 studierte er am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig, wo ihm das Abschlussdiplom verweigert wurde. Mit seiner ersten Ehefrau Sarah Kirsch gab er gemeinsame Gedichtbände heraus. Zahlreiche Reisen führten ihn nach Georgien.
Kirschs Arbeiten stießen bei den Kultur-Oberen immer wieder auf Kritik und zogen Reglementierungen nach sich. 1973 wurde er erneut aus der SED ausgeschlossen. Anlass war seine Faust-Komödie „Heinrich Schlaghands Höllenfahrt“. 1990 wurde er Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes, sowie Mitglied der Akademie der Künste Berlin (Ost). 1993 wurde er Mitglied der vereinigten Akademie der Künste. Er schrieb Lyrik, Erzählungen, Essays, Kinderbücher, Hörspiele, Dramen und machte sich einen Namen als Nachdichter u.a. von Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam, Francesco Petrarca und John Keats.
Rainer Kirsch gehörte zur „Sächsischen Dichterschule“. Er war ein leiser, zurückhaltender Mensch mit scharfem ironischem Blick. Seine künstlerischen Maßgaben, mit denen er gesellschaftliche Unarten kommentierte, waren so feinsinnig wie streng komponiert. Was sich schrill und grenzsprengend als Neuerung gebärdete, lehnte der Dichter ab. Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, ganz in der Nähe seiner Geistesgenossen Brecht und Mickel, hat er einen großen Grabstein renovieren lassen, auf dem die sonderbar fröhlich wirkenden Verse stehen:

lila ein schwein saß still auf einem baum
und wiegte sich auf zweifelhaften ästen.
wir sahens beide, und auf wenigem raum.
so, manchmal, heilt die nacht des tags gebresten.

(Rainer Kirsch)

Rainer Kirsch starb am 4. September 2015 in Berlin.

Kerstin Hensel, Schriftstellerin Berlin, für die Sächsische Akademie der Künste
6. September 2015