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Gottfried Semper Architekturpreis 2007 an Erich Schneider-Wessling




Werner Durth

Laudatio auf Erich Schneider-Wessling

Wir haben heute gleich mehrfach Anlass zu feiern. Wir feiern den Beginn einer neuen Tradition, in der von Dresden aus, verbunden mit dem Namen Gottfried Sempers, ein Architekturpreis verliehen wird, der – so wollen wir hoffen –, weltweit aufmerksam macht auf Bauten, Projekte, und weiter: auf Lebensleistungen von Architektinnen und Architekten in Deutschland, deren Beitrag zur Gestaltung unserer Umwelt in besonderer Weise geleitet ist von der Sorge um die Voraussetzungen unserer Existenz auf diesem Planeten namens Erde und geprägt durch den verantwortlichen Umgang mit den begrenzten Ressourcen der Natur, in Verantwortung auch gegenüber den uns folgenden Generationen.

Ich freue mich sehr, dass für die erste Auszeichnung mit diesem Preis ein Architekt ausgewählt wurde, dessen gesamtes – bisheriges – Lebenswerk als Baumeister, als Lehrer und als missionarisch wirksame öffentliche Person erfüllt war von der Botschaft, dass Bauen nicht nur Nutzen bringt und Gestaltung bedeutet, sondern immer auch Eingriffe in die Natur erfordert, die in all ihren Folgen zu bedenken und zu verantworten sind, nachprüfbar bis zur Berechnung der Energiebilanz von Bauten.

Der Natur wieder zurückzugeben, was man ihr an Ort und Qualität genommen hat, ist eine der Maximen, die Erich Schneider-Wessling seit nunmehr fast einem halben Jahrhundert verfolgt und verbreitet hat. Von den einzelnen Bauwerken bis in den Maßstab der Stadtplanung sind seine Entwürfe stets auf die Gestaltung von Landschaft hin angelegt. Schon in den ersten Wohn-Landschaften des Architekten war die Verschmelzung von Innen und Außen nach dem Konzept des „fließenden" Raums Programm. Mit Pflanzen aller Art bewachsene Terrassen, Balkone und Dachgärten bildeten ein dichtes Netzwerk vielfältig nutzbarer Freiräume, sorgsam mit der Umgebung verwoben. Später wuchsen aus solchen Netzen ganze Städte mit ihren Parks und Promenaden, mit grünen Höfen und verglasten Hallen, fein gegliedert in Übergangszonen zwischen öffentlichen und privaten Bereichen, um den Menschen durch Architektur vielfältige Wahlmöglichkeiten zwischen Rückzug und Teilhabe an der Gemeinschaft einzuräumen. Grundlage solcher Transformation von Natur in Gebautes war für Erich Schneider-Wessling von Anbeginn ein empathisches Verständnis auch der Natur des Menschen, dem als schutzbedürftiges Mängelwesen zum Überleben zuallererst Obdach gegeben und Gemeinschaft ermöglicht werden muss, bevor Baukultur zur weiteren Entfaltung physischer, psychischer und sozialer Bedürfnisse wirksam werden kann. Erst dann kann schließlich auch Architektur zur Emanzipation der Menschen beitragen, zum Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, wie sie sich täglich in den unbefragten Routinen des Alltags verstetigt, angefangen von den gemeinschaftsfeindlichen Formen des Wohnens in einer zunehmend auf gelebte Solidarität angewiesenen Gesellschaft bis hin zur unbedachten Ressourcenverschwendung, gegen die auch ausgeklügelte Energieeffizienz im Bauen nicht ankommen kann, wenn das alltägliche Verhalten der Menschen den längst gewonnen Einsichten in biologische Notwendigkeiten zuwiderläuft.

Ich spreche nicht nur über Architektur. Denn mit Erich Schneider-Wessling wird nicht nur ein hervorragender und international renommierter Architekt ausgezeichnet, sondern auch ein engagierter Lehrer, der seine Einsichten seit Jahrzehnten vielen jungen Architekten vermittelt hat, ohne damit eine „Schule" im Sinne von Baustil-Bildung begründen zu wollen. Ihm ging es immer um Bildung in jenem existenziellen Sinne, der sich für uns mit dem Begriff der Aufklärung verbindet. Doch solche Emphase lässt sich weder auf das gebaute Werk noch auf das Wirken als Lehrer begrenzen: Als ein in zahlreichen Initiativen seit Jahrzehnten engagierter Protagonist der Bürgerbewegung gehört dieser Architekt mit seiner Mission zu der rar gewordenen Gattung jener „Weltverbesserer", ohne die unsere Erde längst unbewohnbar wäre. Denn anstelle von Theorien und Ideologien leitet ihn ganz unmittelbar die Liebe zur Natur und zu den Menschen.

Schneider-Wesslings Credo zur Architektur hat er als Synopse in einer Skizze zusammengefasst, in der über einem Kreis das Wort „Ortsbezug" zu lesen und als Aufforderung zu verstehen ist, jeden Entwurf und jede Planung zuallererst mit der Analyse des konkreten Ortes zu beginnen, der durch Bauen neu gestaltet werden soll. Darunter stehen, rechts und links seitlich des Kreises, die Begriffe „Natur" und „Klima", ihnen zugeordnet, wiederum darunter, „moderne Technik" und „angemessene Mittel". Der Kreis schließt sich durch zwei Begriffe, die gleichsam die Basis dieses Heptagons in der Kreisform bilden - „Individuum" und „Gemeinschaft". Die Pointe dieser kleinen Kosmologie des Bauens ist im Innenleben des Kreises zu entdecken. Hier verweisen Verbindungslinien zwischen den Begriffen auf die Vielfalt der Wechselbeziehungen, die nach diesem Schema als Analysekonzept bei jedem Projekt zwar gesondert untersucht werden können, aber doch nur dann einen Sinn ergeben, wenn sie überlagert, zusammen gedacht und ganzheitlich als System verstanden werden. Gleichzeitig wird so eine Handlungsanleitung für umweltbewusstes Bauen und ein Lehrkonzept angeboten, in sparsamster Ökonomie der didaktischen Mittel und umso überzeugender. Auch dies ist typisch für Erich Schneider-Wessling, doch in dieser Verdichtung, wie all seine Erfahrung, ein Ergebnis von Lernprozessen, die sich nicht zufällig dem amerikanischen Pragmatismus und seinem Misstrauen gegen jede ideologische Überhöhung des Bauens verdanken.

Die tiefe Abneigung gegen jede Art von Heilslehren und vorgefertigtes Wissen ist ihm gleichsam als Erbschaft deutscher Geschichte mit auf den Weg gegeben. Geboren 1931 in Weßling, in Oberbayern, kann er dem Jahrgang nach noch jener Altersgruppe zugeordnet werden, die als jugendliche Opfer der Verführungen des Nationalsozialismus als „skeptische Generation" bezeichnet wurde. Nach schweren Nachkriegsjahren begann er 1951 das Studium an der Technischen Universität in München, die jedoch seiner notorischen Neugier zu wenig Spielraum ließ. „Wir waren überzeugt, dass wir hier sehr weit zurückstanden, dass wir gar keinen Anschluss hatten an die Moderne", erklärte er im Rückblick auf sein Studium in München. „Diese Überzeugung hatten wir als Studenten sehr wohl, und unsere Lehrer waren Leute, die eher an das Vorgestern anknüpften und nicht an das Bauhaus oder ähnliche Strömungen."

Auf der Suche nach anderen Lehrern lernte er über Sep Ruf 1952 an der Münchner Akademie der Künste den damals schon legendären Architekten Richard Neutra kennen. Der verkörperte wie kein anderer eine weit gespannte und dabei international versierte Traditionslinie moderner Architektur. Ein abenteuerlicher Lebensweg hatte ihn aus dem Büro von Adolf Loos in Wien zu Erich Mendelsohn nach Berlin geführt, für den er nach dem Ersten Weltkrieg wegweisende Projekte wie das Mosse-Verlagshaus leitete und den er als ausgebildeter Gartenarchitekt wieder verließ, um 1923 in die USA überzusiedeln und einen ganz eigenen Weg zur Weiterentwicklung der aus Europa importierten Moderne zu finden.

Ein Fulbright-Stipendium ermöglichte 1956 dem jungen Schneider-Weßling eine Reise in die USA. Er studierte und arbeitete bei Richard Neutra, begegnete dem großen Frank Lloyd Wright, blieb auch über das Stipendium hinaus in Neutras Büro in Los Angeles und übernahm die Leitung von Projekten in Caracas und Venezuela. Endlich hatte seine Neugier ausreichend Stoff bekommen. Er bewunderte und analysierte die Bauten Neutras sowie dessen Philosophie des Bio-Realismus im Bauen. Er blieb mehrere Wochen bei Frank Lloyd Wright, Neutras Lehrer, dann zwei Jahre in Venezuela, bevor er 1960 sein eigenes Architekturbüro in Köln eröffnete. Hier geriet er in die Turbulenzen der Fluxus-Aktionen, der kultur-revolutionären Fusion von Dada-Tradition und Situationistischer Internationale. In Köln trafen sich damals Künstler wie John Cage, Nam June Paik und Wolf Vostell. Schneider-Weßling diskutierte mit André Thomkins, Eckhard Schulze-Fielitz und Yona Friedman neue Konzepte der Verstädterung und wandelbarer Architektur. Sein Büro am Appellplatz verwandelte sich zur „Ambulanzgalerie". Er befreundete sich mit Karlheinz Stockhausen, dem bis heute maßgeblichen Pionier der elektronischen Musik, zugleich Motor der Fluxus-Bewegung, auf der Suche nach neuen Lebensformen in der Gemeinschaft von Künstlern.

Für Stockhausen plante und baute Schneider-Wessling ab 1962 ein Wohn- und Studiogebäude mit dem bezeichnenden Namen „Labyr", zugleich Labor und Labyrinth, mit sich durchdringenden Räumen in Form von Sechsecken, eine Wabenlandschaft für eine Künstler-WG. Dieses Gebäude mit seinen ineinander geschobenen Ebenen, großen Fenstern, weiten Ausblicken und Terrassen machte den jungen Architekten gleichsam über Nacht bekannt. Es folgte ein Wettbewerbsbeitrag für eine Schullandschaft, wieder im gestapelten Wabensystem, um maximales Raumvolumen in minimale Hüllflächen zu kleiden. Systematisch wurden hier bereits in Schemaskizzen zur Sonneneinstrahlung, zur Belichtung und Lüftung Prinzipen energieeffizienten Bauens dargestellt, die in späteren Bauten erfolgreich angewandt werden konnten.

Von den ersten Projekten an wurde geprobt, was später die Qualität der dann so genannten Solararchitektur ausmachen wird. Das ab 1964 errichtete Haus Neven-Dumont besticht trotz seiner komplexen Raumstaffelung durch eine Klarheit der Konstruktion, die an japanische Holzbauten denken - und doch noch den Einfluss Neutras erkennen lässt. „Die offenen Raumstrukturen stellen nicht nur die Verbindung zur Natur her, sondern fördern auch die Entfaltung sozialen Lebens im Inneren des Hauses", heißt es in einer Erläuterung zu diesem Projekt.

Solche Verbindung offener Raumstrukturen mit wandelbaren Elementen der Architektur zwecks individueller Gestaltung der Übergänge zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit ließ 1966 in Bonn-Bad Godesberg im Gästehaus der Alexander-von-Humboldt-Stiftung eine kleine Stadt in der Stadt entstehen. Dieses Gästehaus regte Gedanken zur weiteren Verdichtung von Stadtstrukturen an, die wenig später zu den internationales Aufsehen erregenden Projekten für eine Überbauung von Bahngleisen in München und Köln führten.
„Auf diese Weise werden nicht nur ansonsten brachliegende Flächen sinnvoll genutzt, sondern es entsteht auch ein bedeutender Zuwachs an Wohnraum mitten in der Stadt", heißt es in einer Erläuterung zu diesen Projekten. Dass in München die großen Gleisanlagen nicht überbaut waren, sei für ihn damals unverständlich gewesen, erklärte Schneider-Wessling später: „Dies war in meinen Augen die eigentliche Entwicklungsfläche und nicht die Wiesen, auf denen man dann z.B. Neu-Perlach baute. Es war für mich völlig befremdlich, dass sich das künftige Leben neuer Bewohner nicht in der Stadt abspielen sollte, sondern in Siedlungen auf der grünen Wiese."

Den Jahren des westdeutschen Eigenheimeinerleis folgte die Phase liebloser Stapelware. Während die noch überkommenen Stadtstrukturen dem Verfall überlassen oder als potenzielle Abbruchgebiete der Spekulation ausgeliefert wurden, probten Schneider-Wessling und seine Mitstreiter damals bereits die Erneuerung der Städte durch „innere Verdichtung", wie zwei Jahrzehnte später das populäre Schlagwort heißen wird. Freilich, Mitte der sechziger Jahre konnten solche Projekte noch leicht als Beispiele jener technischen Utopien abgetan werden, wie sie in gewaltigen Raumgitter-Strukturen in Frankreich, Japan und den USA entworfen wurden. Doch was da ab 1969 in Plänen und Modellen, Skizzen und Diagrammen in Köln als Beitrag zur Sanierung der Stadt zwischen Venloer Straße und Westbahnhof entstand, war ein durchaus praktikabler Vorschlag für neue Bau- und Lebensformen, die nun unter dem Programm „Urbanes Wohnen" firmierten. „Urbanes Wohnen" - das war zugleich der Name einer Genossenschaft, die Schneider-Wessling im September 1969 gegründet hatte mit dem Ziel, vor allem jungen Familien neue Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens mitten in der Stadt zu ermöglichen, als attraktive Alternative zum Land fressenden Häuslebauen am Stadtrand.
Durch eine Parkplatz-Überbauung im Kölner Severinsviertel sollte in einem ersten Schritt ein Terrassenhügelhaus für fast 100 Familien entstehen. Dieser Plan blieb zwar Papier, doch regte dieses weit über Köln hinaus bekannte Projekt in vielen Städten ähnliche Initiativen an und förderte die Debatte um eine neue „Urbanität durch Dichte" jenseits der damals massenhaft entstehenden Großsiedlungen im Umfeld der Städte.

Was in den ersten Anläufen nur Projekt und Provokation bleiben musste, gelang wenig später vorbildlich: Mit dem Nikolai-Centrum in Osnabrück wurde ein Stück kompakter Stadt neu erfunden. Nach einem Wettbewerb 1974 entstand im Maßstab der benachbarten Altstadt als Überbauung einer Tiefgarage ein urbanes Ensemble aus Läden und Büros sowie gemeinschaftsorientierten Wohnanlagen mit lichtdurchfluteten Wintergärten und begrünten Terrassen davor. Dieses bis 1984 vollendete Projekt setzte Maßstäbe für den künftigen Umgang mit Stadt. Mit dem Deutschen Städtebaupreis ausgezeichnet, wurde es ein Vorbild dafür, wie Stadt zu erneuern und zugleich die Maßstäblichkeit des Alten bis ins Geflecht der Straßen und Plätze zu erhalten ist. Wie sich nach ähnlichem Konzept ein neues Stadtzentrum als Bindeglied zwischen disparaten Teilen einer Vorstadt entwickeln lässt, zeigte Schneider-Wessling 1988 gleichsam als Lehre aus dem Projekt Osnabrück in seinem Beitrag zum Wettbewerb für eine neue Mitte der auf rund 40 000 Einwohner gewachsenen Siedlung Kaarst bei Düsseldorf. Hier entstand, landschaftlich eingebettet in einen Park mit See, gegliedert durch Plätze und Alleen, ein Ensemble aus Rathaus, Bürgerhaus und Markthalle mit Geschäftszentrum und Wohnanlagen, ein Ort der Begegnung und Identifikation, dominiert vom Turm des neuen Rathauses, der „wie aus einem Kinderbaukasten" entstanden „ein eindeutiges Zeichen in der Stadt" setzt.
Was hier 1988 ersonnen und scheinbar spielerisch gestaltet wurde, könnte im Jargon unserer Tage als „Nachverdichtung der Zwischenstadt" oder als „Transformation der inneren Peripherieeiner Metropolregion" bezeichnet werden. Ohne derart große Worte war Erich Schneider-Wessling seiner Zeit weit voran, indem er einfach tat, was er für vernünftig hielt, ohne dafür die Werbetrommel zu rühren oder die Gebetsmühlen gerade aktuell angesagter Architektenparolen zu drehen.

Wie Solararchitektur und energieeffizientes Bauen auch im Hinblick auf das bestmögliche Befinden der Menschen darin Wirklichkeit werden kann, diese Frage war seit der Begegnung mit Neutra und seinem Konzept des Biorealismus ständig präsent. In jedem Projekt suchte Erich Schneider-Wessling neue Antworten auf derart vertraute Fragen nach dem richtigen Umgang mit der Natur. Aus einer Serie von „solartypologischen Modellen" für den Wettbewerb Landstuhl 1979 entwickelte er mit Per Krusche eine Reihe von Solarhäusern. Die dort gewonnenen Erkenntnisse wiederum gingen in die städtebaulichen Beiträge ein.

Wir erinnern uns an die Kreisfigur mit den sieben Begriffen. Oben „Ortsbezug", darunter „Natur" und „Klima", dem zugeordnet „moderne Technik" und „angemessene Mittel". Wie ein Extrakt aus den bisherigen Projekten, überprüft an den soeben genannten Kategorien, entwarf Erich Schneider-Wessling 1991 nach neuestem Stand der Technologie das Gebäude für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück, einen trotz seines großen Volumens geradezu zierlichen Bau, der sich mit seinen geschwungenen Fassaden fast vegetativ in den erhaltenen Baumbestand einfügt, 1996 ausgezeichnet mit dem Europäischen Solarpreis.

Die Liste der Projekte, Preise, Auszeichnungen und Professuren ließe sich nun mit vielen weiteren Höhepunkten fortsetzen über das nächste Jahrzehnt bis heute. Dass sich in der Werkliste auch Gutachten zur Stadterneuerung in Dresden finden, sei hier nur nebenbei erwähnt. Und in dichter Folge ließen sich zukunftweisende und beispielhafte Lösungen für drängende Themen unserer Zeit erläutern, doch möchte ich es in meinem Rückblick beim Exemplarischen belassen.

Die Maximen, die dieser Baumeister seit Jahrzehnten und anfangs noch als vermeintlich spinnerter Außenseiter vertreten hat, sind heute für viele der jüngeren Architekten selbstverständliche Handlungsanleitungen. Freilich nicht für alle. Da ist noch viel zu tun. Doch hat kaum ein anderer zur Verbreitung eines neuen Umweltbewusstseins im Planen und Bauen derart beigetragen wie Erich Schneider-Wessling. Zu Recht wird ihm als Erstem dieser Preis verliehen.

Zum Schluss noch ein persönliches Wort. Es war nicht leicht, aus der Vielzahl der Vorschläge eine signifikante Rangfolge der Kandidaten für diesen Preis zu benennen. Als die Findungskommission schließlich eine engere Wahl von 18 Namen zusammengestellt hatte, gruppierte sie nach Jahrgängen in die Kategorien Pioniere, Meister und Nachwuchs - und empfahl Erich Schneider-Wessling im Rückblick auf sein Lebenswerk als Pionier umweltgerechten Bauens gemäß den Statuten des Preises.

Da unser Vorschlag vom Kuratorium einstimmig angenommen wurde, ist es jetzt an mir, eine weitere Begründung auszuführen. Dieser Architekt wird zwar als Pionier gewürdigt, dabei ist aber auch aktuell in immer neuen Projekten der Meister tätig und im Geiste kann er immer noch dem Nachwuchs zugerechnet werden, da er mit unstillbarer Neugier und Entdeckungslust eine mitreißende Begeisterung entfalten kann, die wir bei jüngeren Architekten oft vermissen.

Ich gratuliere herzlich zu diesem Preis, den Erich Schneider-Wessling heute stellvertretend für all jene mit entgegennimmt, die ihn in den wechselnden Teams bei seinen Projekten begleitet und oft auch mitgetragen haben. Denn dieser Architekt ist ein Gemeinschaftsmensch: 1968 gründete er die Gruppe Bauturm in Köln als Gemeinschaft von Architekten und Ingenieuren. In all seinen Projekten hat er mit hervorragenden Vertretern unterschiedlichster Disziplinen kooperiert, aus der Überzeugung, dass Nachhaltigkeit im Bauen nur als Gemeinschaftsleistung zu erreichen ist.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass ich ihn vor mehr als einem Vierteljahrhundert ausgerechnet auf einer Reise durch das damals noch alte China kennen lernte, als er begeistert die Haus- und Hoftypologien studierte, in denen die Menschen dort seit Jahrhunderten durch Holz- und Lehmbauten auf ihre Umweltbedingungen reagierten. Ich wusste damals: Dieser Lehrer wird immer ein Lernender bleiben, ein Architekt, dem jede neue Bauaufgabe – bei aller Erfahrung – stets wieder ein Anfang ist.